Klassentreffen an der Elbe

Unglaublich, aber wahr. Wir, die Klasse von Herrn Binder (und ab der 8 Kl. Von Frau Horvath) mit Einschulungsjahr 1972, trafen uns am 23. Oktober an der Elbe und feierten 20jähriges.

Als Marcus und ich uns entschlossen, das Klassentreffen zu organisieren, begab ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Raum, in dem wir ungestört für uns sein konnten. Viele Räumlichkeiten waren in den Elbvororten schon seit Monaten vergeben, zu teuer oder eben ungeeignet .”Zum Bäcker” am Strandweg sollte es dann sein.

Viel schwieriger als den Raum zu organisieren war es, die aktuelle Klassenliste zu erhalten. Einerseits half ALUMNI, doch auch hier waren einige der Adressen schon 5-8 Jahre alt. Andererseits bekam ich Adressen über mehrere Ecken und einigen telefonierte ich vergeblich hinterher. Letztendlich trudelten Punkt 10:30 die ersten in hellster Freude beim “Bäcker” ein. Nach 30 Minuten waren wir 30 ehemalige Klassenkameraden und Frau Horvath. (Herr Binder befand sich leider auf einer lang gebuchten Sizilien-Reise). Das Buffet wurde eröffnet und der Sekt war ein perfekter Einstieg zum Warmreden. Plätze wurden gewechselt. Fragen, Antworten, Erzählen, Zuhören. Die riesigen Containerschiffe, die an dem Fenster mit bestem Elbblick vorüberfuhren, nahmen wir kaum wahr. Die Freude, sich nach 10, bzw. 20 Jahren wieder zu sehen, hielt den ganzen Tag an.

Auf unserem 10jährigen Klassentreffen - ich bin damals extra aus den USA angereist - störte mich damals, dass ich ca. 25-30 Leuten in Einzelgesprächen das Gleiche erzählt habe, um nicht zu sagen, ich hatte das Gefühl eines fusseligen Mundes und strapazierter mimischer Muskulatur. So lag dieses mal die Überlegung nah, in einer großen Runde jeden stichwortmäßig bis hin zu maximal 5 Minuten berichten zu lassen, wie der Lebensweg seit Ende der 12 Klasse bis jetzt verlaufen ist. Meine kurz zuvor nochmals aufkommenden Bedenken, es könne überlang oder ermüdend werden, wurden sofort nach der ersten “Lebensweg- Beschreibung” ausgeräumt. Silke Fintelmann begann die Runde mit ihrer sonnigen Ausstrahlung und ich denke mein Gefühl trügt mich nicht wenn ich sage, es schien mehr ein großes Bedürfnis bei allen vorhanden zu sein, sich auf diese Weise mitzuteilen.

Ich kann diese Mitteilungsweise nur empfehlen, da kaum in einem Einzelgespräch prägende Details in einer konzentrierten Zusammenfassung zum Ausdruck kommen. Nie hätte ich erfahren , dass Olaf Burgheim auf einer Australienreise bei der Opalsuche seinem möglichem Reichtum entgangen war. Nie wieder wird er neben einer japanischen Reisegruppe Opale suchen. Auch wenn ich Marcus Schroeder privat mehrmals im Jahr in Hamburg sehe und unsere Arbeitsplätze Haus an Haus liegen, wusste ich nicht, dass er in einer Fabrik in Ecuador als Gringo zwischen 200 kiechernden Ecuadorianerinnen stand und Brokolirösschen geschnitten hat. Das einige, die in der Schule im Sport schon vermindert tauglich schienen, den Wehrdienst absolviert haben und andere ihn mit “Zu viel-Dienst” (Zivildienst) ersetzt haben oder gar als untauglich ausgemustert wurden. Einige ein anthroposophisches Kontrastprogramm nach der Schule wählten (oder wählen mussten), um schließlich wieder ihre Kinder in einen Waldorf - Kindergarten zu schicken. Einige sind auf Umwegen zu dem gekommen, was sie heute tun. Z.B. Kai Kilau, ganz klar nach der Schule Tischlerlehre. Als sein Chef ihn beauftragte, 12 Schubladen-Container in 12 Stunden zu bauen, entsprach das nicht seinen Vorstellungen. Kai wollte Kundenkontakt, mit Menschen zu tun haben. Umschulung zum Erzieher. Erst die Arbeit mit Drogenabhängigen und heute die mit schwererziehbaren Kindern aus Familien mit sozial geschädigtem Umfeld fordern ihn heraus.

, heute extra aus Rom eingeflogen, begann diverse Studiengänge, endete schließlich mit BWL, nahm ein Jahr “Auszeit” um Spanisch zu lernen und zu sehen, ob es das Richtige nun sei. Er lernte dann eine Italienerin kennen und lebt jetzt samt Kinder in Rom. Einige in der Werbebranche Tätige erlebten in den letzten Jahren große finanzielle Engpässe und haben sich doch immer wieder von Neuem betätigt und berappelt. Nur Gine Griebel (heute Kasselmann) wusste schon in der Oberstufe, dass sie in den naturwissenschaftlichen Bereich wollte. Sie fragte Herrn Hansen, ob es etwas Schnelleres als Lichtgeschwindigkeit gäbe. Er sagte:” Studieren Sie Physik, dann wissen Sie es”. Nach absolviertem Physikstudium und Praktika bei DESY wollte Gine doch lieber mit Menschen zu tun haben, als im stillen Kämmerlein wissenschaftlich zu arbeiten. Sie rief wieder Herrn Hansen an, der ihr nun vorschlug, sich in der sich neugründenden Waldorf- Schule Altona zu bewerben. Gesagt, getan. Sie unterrichtet nun Mathe und Physik in der Oberstufe in Altona …und es gibt nichts schnelleres als die Lichtgeschwindigkeit… Sollte einer von unserer Klasse über eine wichtige berufliche Veränderung entscheiden müssen, werden wir vorher Herrn Hansen anrufen.

Natürlich könnte ich alle 30 bunten, spannenden Lebens-Berichte hier zusammenfassen, doch es würde wahrscheinlich den Rahmen eines Alumni Info-Berichtes anlässlich unseres 20 jährigen Klassentreffens sprengen. Es sei noch bemerkt, dass wir (von allen Anwesenden zusammengenommen) ca. 30 Kinder haben und 16 verheiratet sind.

Einige von uns gingen konnten sich abends immernoch nicht trennen, gingen noch bis mitternacht in die “Linde” und ließen den wundervollen Tag genüsslich ausklingen. Patrik, der extra aus Schweden angereist war, rief mich am nächsten Tag an und erzählte mir: “Anne, ich habe heute Ruth kennengelernt. Heute habe ich mich auf dem Heimweg zum ersten mal mit ihr richtig unterhalten”.

Was man während der Schulzeit nicht geschafft hat, konnte nun aufgearbeitet werden. Nach dem Motto: Was ich Dich seit 32 Jahren schon immer mal fragen wollte, bzw. Dir sagen wollte…

Ein Klassentreffen lohnt sich auf jeden Fall. Es war ein spannender, wunderbarer Tag.

Anne Brinkmann

News Datum: 10. November 2004 | 23:45 Uhr | zurück


Hamburg, im April 2011